Botulinumtoxin: Medizinprodukt zwischen Hype und Dämonisierung
Injektionen mit Botulinumtoxin (Botox) gelten als die beliebteste Faltenbehandlungsmethode der Welt. Doch die Substanz gerät immer wieder in die Schlagzeilen, dabei setzen kompetente Experten das Medizinprodukt seit Jahren praktisch nebenwirkungsfrei gegen unerwünschte Alterserscheinungen ein. Botulinumtoxin, kurz Botox genannt, ist ein Schlangengift, das Leberschäden und Muskelzuckungen verursacht, die DNA beeinflusst und die Schönheit des Gesichtes zerstört. Was haben diese Aussagen gemeinsam? Sie sind falsch. Dennoch kann Botox unerwünschte Nebenwirkungen haben. Das zeigt, dass ästhetisch motivierte Botox-Behandlungen nicht auf die leichte Schulter genommen werden sollten.
Mit dem Wirkstoff Botulinumtoxin ist es wie mit Michael Jackson. Man mag ihn oder lehnt ihn ab. Anders sind die vielen teilweise widersprüchlichen Beiträge über Botulinumtoxin kaum zu erklären. Obwohl es bislang keine verlässlichen Langzeitstudien gibt, werden Kritiker nicht müde, immer wieder neue Horrorszenarien heraufzubeschwören. Erschwerend kommt hinzu, dass Botoxbehandlungen eine fragwürdige TV-Karriere gemacht haben.
Deutsche Fernsehzuschauer werden sich an die Sendung “Das perfekte Promi Dinner” vom 15. März 2009 auf Vox erinnern, in der sich die Ex-Ehefrau des Wiener Baumagnaten Richard Lugner “Mörtel” Christina “Mausi” Lugner zwischen Hauptgang und Nachtisch die Zornesfalten mit Botulinumtoxin glätten ließ.
Seriöse Mediziner und Berufsfachverbände wehren sich vehement gegen diese Art der Ad-hoc-Behandlung in den Medien. Dr. Hans-Jürgen Bergmann, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC), erklärt: “Patienten müssen vor der Behandlung sorgfältig untersucht und über die möglichen Folgen der Injektion aufgeklärt werden”. Die Anwendung von Botulinumtoxin berge Risiken, warnt der erfahrene Mediziner. Auch sollten zwischen Beratung und Behandlung einige Tage liegen, damit Patienten die Vor- und Nachteile einer Botulinumtoxin-Injektion in aller Ruhe abwägen können. Der Fernsehbeitrag suggeriert, dass Botox-to-go-Behandlungen normal seien, was jedoch nicht der medizinischen Realität entspricht und daher irreführend für die Zuschauer sei. Die DGÄPC legt Patienten ans Herz, sich ausschließlich in Facharztpraxen und Kliniken beraten und behandeln zu lassen, in denen nachweislich langjährig ausgebildete Fachärzte für Plastische und Ästhetische Chirurgie tätig sind.
Botulinumtoxin: Fakten und Indikationen
Nach wie vor hält sich hartnäckig das Gerücht, Botox sei ein Schlangengift, was jedoch nicht den Tatsachen entspricht. Die Deutsche Gesellschaft für Ästhetische Botulinumtoxin-Therapie e.V. (DGBT) klärt auf: Botulinumtoxin Typ A – besser als Botox bekannt – ist ein Protein, das aus dem Bakterium Clostridium botulinum gewonnen wird. Der Name Botulinumtoxin entstand, als der Landarzt Justinus Kerner 1820 erstmals von “Wurstgift” sprach (lateinisch botulus = Wurst, toxin = Gift).
Der Mediziner stellte seinerzeit kausale Zusammenhänge zwischen bestimmten Todesfällen durch Lähmung der Muskulatur und dem Verzehr verdorbener Nahrungsmittel her. 1895 entdeckte der Mikrobiologe Emile Pierre van Ermengem das heute als Clostridium botulinum bekannte Bakterium. Wissenschaftlich sind bislang sieben Variationen des Botulinumtoxins, die so genannten Serotypen A, B, C, D, E, F und G, bekannt.
In der Medizin wird vor allem das biotechnologisch gewonnene und verschreibungspflichtige Botulinumtoxin Typ A eingesetzt. Das Arzneimittel ist in über 70 Ländern für mehr als 20 verschiedene Indikationen zugelassen, darunter Blepharospasmus (Lidkrampf), zervikale Dystonie (Verkrampfung der Hals- und Nackenmuskulatur) und therapieresistente Hyperhidrosis axillaris (Axelnässe).
Wie und wo Botulinumtoxin Falten bändigt
In den Achtzigerjahren wurde die kosmetische Wirkung von Botox entdeckt. Im Jahr 2002 wurde Botox, das ist der Handelsname des Präparates, für kosmetische Zwecke in den USA zugelassen. Die US-Pharmafirma Allergan soll mit der “kosmetischen Giftspritze” stolze 1,3 Milliarden Dollar pro Jahr verdienen.
Die Substanz unterbindet die Ausschüttung eines Botenstoffes in den Nerven, der für die Anspannung der Muskulatur verantwortlich ist. Das Wirkprinzip lautet kurz gesagt Muskelentspannung und frühzeitige Kontrolle überschießender Mimik. Mangels Muskelzug glätten sich Falten, kleinere Fältchen verschwinden unter Umständen vollständig. Der klassische Anwendungsbereich für Botulinumtoxin sind Falten des oberen Gesichtsdrittels, also um die Augen und auf der Stirn.
Einige Mediziner setzen die Substanz auch im Hals- und Dekolletébereich ein. Die hohe Kunst besteht darin, Botulinumtoxin exakt zu platzieren und gegebenenfalls so mit anderen Faltenfüllern zu kombinieren, dass ein natürliches Ergebnis entsteht: Ein entspannter, jugendlicher Gesichtsausdruck.
Mögliche Nebenwirkungen und No-go-Empfehlungen
Einige Kosmetikerinnen haben bei Kunden, die sich seit Jahren mit Botulinumtoxin behandelt lassen, Zuckungen beobachtet. Diverse Quellen berichten in der Tat über Komplikationen nach Botox-Behandlungen – etwa vorübergehende Lähmungserscheinungen im Gesicht – die allerdings zahlenmäßig kaum ins Gewicht fallen. Bei therapeutischen Behandlungen im Halsbereich wurden Schluck- und Atembeschwerden beobachtet.
In Tierversuchen wurde zudem festgestellt, dass das Neurotoxin von der Stelle der Injektion in andere Teile des Körpers wandern kann, sogar in das Gehirn. Botox ist immer wieder unter Verdacht geraten, doch ein Verdacht ist kein Beweis. Wenn dem so wäre, wären die Gefängnisse überfüllt. Botox-Therapeuten verweisen ihrerseits darauf, dass die Substanz bei fachgerechter und verantwortungsvoller Handhabung sicher sei und nicht wandern würde. Sie geben auch zu bedenken, dass viele Warnungen vor Behandlungen mit Botulinumtoxin zu wenig auf wissenschaftlichen Fakten basieren. Die Wertung und Einordnung dieser Informationen hängt somit letztendlich vom persönlichen Standpunkt ab.
Vor unkontrollierten Behandlungen, vor allem durch unqualifizierte Mediziner, ist jedoch insgesamt dringend abzuraten. Gleiches gilt für Botox-Partys und andere Veranstaltungen, die die medizinisch anspruchsvolle Behandlung zum banalen Lifestyle-Event für jedermann machen. Die fortschreitende Kommerzialisierung von Botulinumtoxin sorgt leider für die eine oder andere Entgleisung. Erfreulicherweise machen verantwortungsvoll agierende Mediziner diesen standesrechtlich bedenklichen Zirkus nicht mit.
Wie finde ich die richtigen Fachärzte?
Niemand wünscht sich ein mimisch erstarrtes Gesicht oder unangenehme Nebenwirkungen. Deshalb liegt der Schlüssel zum Behandlungserfolg in der richtigen Arztwahl. Praktisch jeder Arzt darf Behandlungen mit Botulinumtoxin anbieten. Doch eine gute Botox-Behandlung verlangt weit mehr als simples Basiswissen über das Setzen einer Spritze.
Ein Facharzt mit einer offiziellen Facharztbezeichnung (Schönheitschirurg ist keine Facharztbezeichnung – Vorsicht auch vor kreativen Titelschwindlern) ist hier die beste Option. Qualifizierte Expertenadressen können bei den Berufsfachverbänden für Plastisch-Ästhetische Chirurgie erfragt werden (DGÄPC, VDÄPC, GÄCD, die Österreichische ÖGPÄRC usw.).
Darüberhinaus gibt es Ärzte, die sich entsprechend weiterbilden und nach erfolgreicher Ausbildung zertifiziert werden, beispielsweise über die bereits erwähnte Deutsche Gesellschaft für Ästhetische Botulinumtoxin-Therapie e.V. (DGBT) mit Mitgliedern in Österreich, der Schweiz und Deutschland. Nur so ist gewährleistet, dass die Behandlung maximal erfolgreich und minimal riskant ist.
Ein Beitrag von Maria Franic
